zurück zur Startseite
zur Startseite

Naturwissenschaftlicher Verein der Niederlausitz e.V. mit Sitz in CottbusNaturwissenschaftlicher Verein der Niederlausitz e.V. mit Sitz in Cottbus

Die Bocks-Riemenzunge - Orchidee des Jahres 1999

Startseite Natur des Jahres Orchidee des Jahres 1999


Inhalt
Startseite
Der NVN e.V.
Fachgruppen
Ausstellungen
Veröffentlichungen
Natur des Jahres
Chronik
   
Natur des Jahres
Übersicht
2007
Bach-Nelkenwurz
2004
Weißtanne
Alpenglöckchen
2003
Wolf
Schwarz-Erle
   

 

Abb. Bocks-RiemenzungeDie Bocks-Riemenzunge (Himantoglossum hircinum L.) ist eine wärmeliebende Art der sub-/ mediterranen bis sub-/ atlantischen Verbreitung. Obwohl die Standortansprüche der Pflanze schon relativ genau beschrieben wurden, ist die Verbreitung in Westeuropa und die östliche Verbreitungsgrenze dieser Orchidee noch nicht ausreichend geklärt. Die Bocks-Riemenzunge ist eine seltene Art der Trespen-Halbtrockenrasen über Muschelkalk. In Deutschland ist die Art trotz vorhandener geologischer Standorte und klimatischer Nischen sehr selten (Gefährdungsgrad Rote Liste BRD 2 = stark gefährdet). In Brandenburg und in der Niederlausitz fehlt sie aufgrund der hiesigen naturräumlichen Bedingungen ganz.

Pflanze/ Blüte

Die stattliche Orchidee kann bis zu 90/ 120 cm groß werden. Die länglich-lanzettlichen Blätter umschließen den Stengel scheidig.

Abb. EinzelblüteAbb. Einzelblüte

Neben ihrer Größe fällt die Orchidee durch ihren reichlichen und lockeren Flor sowie durch die Formgebung ihrer Einzelblüten auf. Die Einzelblüte besteht aus einem halbkugligen kleinen Helm, der von 5 Perigonblättern gebildet wird. Auffälligstes Merkmal der Blüte ist jedoch die Mittelzunge, deren Länge durchaus bis zu 6 cm betragen kann (Namensgebung). Sie ist leicht gedreht, das Ende ist mitunter schwach eingerollt.

Gegenüber der auffälligen Blütenform tritt die Intensität der Farbgebung stark zurück. Die Farben variieren oft, können von grünlich-bräunlichen Nuancen bis zu purpurroten Farbeinschlägen reichen. Während sich an der Helmbildung diese Farben noch am ehesten erkennen lassen, die Nerven erscheinen ins Purpurrote gehend, wirkt die Mittelzunge meist ausgefärbt bis bleich, jedoch nicht ohne Farbeinschlag. Die Blütezeit beginnt etwa Ende Mai.
Die geöffneten Blüten riechen stark nach Ziegenbock, was der Pflanze einen weiteren Teil des Namens einbrachte.

Die Pflanze ist eine wintergrüne Art, denn im Herbst werden die Blätter für die neue Vegetationsperiode vorgebildet. Strenge Winter führen jedoch zum Zurückfrieren, so daß die Pflanze zum Überleben geschützte Standorte braucht.

Lebensraum/ Biotop

In der einführenden Vorstellung der Pflanze wurde ein Teil ihres Existenzgefüges schon erwähnt. Darüber hinaus sind weitere die Pflanze begünstigenden Bedingungen zu nennen. So ist sie eine Art der Offenländereien und extensiv genutzten Wiesen, die auch im Sommer mäßig frisch bleiben. Dennoch sind ihre Standorte durch besondere Besonnungs- und Erwärmungsverhältnisse gekennzeichnet. Oft befinden sich die Vorkommen in Randlagen, auch in leicht hängigen Bereichen. Die mitunter versprengt liegenden Standorte wurden weniger intensiv genutzt; eine Düngung lohnte sich nicht, so daß sie heute kaum mit Nährstoffen belastet sind. Die daran angepaßte Orchidee kann sich in solchen Flächen behaupten, denn sie ist wie viele unserer Wiesenorchideen eine konkurrenzschwache Art. Gebüschsäume oder lichte Waldbereiche auf kalkhaltigen Standorten, sogar Sanddünen über Kalk können besiedelt werden. Erst in jüngster Zeit wurden überraschende Neufunde bekannt. Neben den Vorkommen im Leutratal bei Jena wurden jetzt in Süd- und Westthüringen sowie bei Naumburg Vorkommen vermeldet. Botaniker und andere Wissenschaftler sind mit der Klärung der im allgemeinen auftretenden Bestandsschwankungen, aber auch der standörtlichen Bedingungen der Neufunde befaßt. Noch nicht geklärt ist die Frage, warum die Art auch an Standorten auftreten kann, an denen sie bislang nicht beobachtet wurde. Im südlichen Westdeutschland gibt es mehrere Fundorte, vor allem in den Weinbaugebieten scheint sich die Orchidee wohlzufühlen.

Gefährdung

Nach wie vor befinden sich die bedeutendsten Vorkommen der Orchidee in Ostdeutschland um Jena. Das Leutratal ist eines der wertvollsten Gebiete. Die Pflanze befindet sich dort in einem Naturschutzgebiet, das Teil eines 3700 ha umfassenden Areals ist und zu einem von Bund und Land geförderten Naturschutzgroßprojekt gehört.
Bereits beim Bau der Autobahn in den 30er Jahren kam es zu Interessenkonflikten zwischen Verkehrswesen und Naturschutz. Das Gebiet wurde jedoch 1937 unter Schutz gestellt und gilt als Refugium für Orchideen bis in unsere Zeit. Paradoxerweise ist die Bocks-Riemenzunge ausgerechnet im Leutratal durch den geplanten sechsspurigen Ausbau der Autobahn A 4 massiv bedroht. Aber auch in Süddeutschland ist die Bocks-Riemenzunge bei weitem nicht so häufig, wie man meinen möchte. Sie gilt hier ebenfalls als eine stark gefährdete Art.

Mit der Erklärung der Bocks-Riemenzunge zur Orchidee des Jahres 1999 soll auf die akute Gefährdung ihres Vorkommens im Leutratal aufmerksam gemacht werden. Die auffällige und stattliche Orchidee der eher mäßig trockenen Magerrasen braucht unsere Hilfe!

Stirbt die Orchidee, ist die heimische Flora erneut um einen skurril bis exotisch anmutenden Teil ärmer. Da sie auch für die Wissenschaft von großem Wert ist, verliert die Gesellschaft einen interessanten wie besonderen Forschungsgegenstand, der sich nicht nur auf die Pflanze bezieht, sondern auch ihre Existenzbedingungen und das Biotopmanagement einschließt.

An unsere Gartenfreunde

Wir wissen, daß der allergrößte Teil von Ihnen verantwortungsvoll mit den Schöpfungen der Natur umgeht. Nicht alle Wildflorenarten kommen als Gartenpflanzen unserer Heimatregion in Betracht. Freude wird man i.d.R. nur an bearbeiteten Formen haben.

Zur Bocks-Riemenzunge muß eindeutig gesagt werden, daß sie in Gartenanlagen unserer Gegend keine Chance zum Überleben hat. Ihr existentielles Bedingungsgefüge kann mit den Liebhabern und Laien zur Verfügung stehenden Mitteln nicht annähernd nachgestaltet werden, so daß die Kultivierung der Bocks-Riemenzunge, wenn überhaupt, nur in die Hände wissenschaftlicher Einrichtungen gehört.
Deshalb will man kaum glauben, daß sich immer wieder Personen finden, die die in dem besonderen natürlichen Standortgefüge lebenden Orchideen ausgraben. So wurde 1997 eine Person bei Münster (!) festgenommen, die nachweislich in der Region um Jena über 100 Orchideen ausgegraben hatte. Auch 1998 konnte ein Orchideendieb auf frischer Tat ertappt und ausgegrabene Pflanzen im Kofferraum des Fahrzeuges sichergestellt werden.

Das pflegeaufwendige, anspruchsvolle, aber auch schöne Hobby der Orchideenhaltung sollte mit bewährten Arten der Zimmerpflanzenhaltung ausgeübt werden. Meist handelt es sich um Hybriden, die sich wesentlich leichter als ihre Ausgangsarten kultivieren lassen und überdies schöne auffällige Blütenfarben zeigen.
Heimische Gartenfachmärkte werden Sie dazu gern beraten.

Quellen

NVN-Faltblatt zur "Orchidee des Jahres": Brigitte Schneider

Literatur/ Bildnachweis:
[1] Bundesartenschutzverordnung, Neufassung 1989: BGBl. Teil 1, Nr. 44 26.09.1989.
[2] Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung Brandenburg (Hrsg.) (1993): Rote Liste der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen, Algen und Pilze im Land Brandenburg
[3] BLAB, J., NOWAK, E., TRAUTMANN, W. & SUKOPP, H. (1984): Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in der Bundesrepublik Deutschland, erw. Neubearb., Greven.
[4] BUTTLER, K.-P. (1986): Orchideen, München.
[5] HEMPEL, W. & SCHIEMENZ, H. (1978): Unsere geschützten Pflanzen und Tiere, Berlin.
[6] LAUBNER, K. & WAGNER, G. (1998): Flora Helvetica, Bern.
[7] LIEBERS, P. (1998): in ND "Orchidee des Jahres gekürt" (26.10.1998)
[8] ROTHMALER, W. (1995): Exkursionsflora von Deutschland

Zur Übersicht mit den Bäumen, Blumen, .. der vergangenen Jahre bis heute


Seitenanfang

Startseite | Impressum | Inhaltsverzeichnis | E-Mail