|
|
| Die Hänge-Birke (Betula pendula ROTH.)
- oder auch Sand-Birke, Warzen-Birke - einem breiten Publikum vorstellen
zu wollen, hieße sicher, Eulen nach Athen zu tragen. Sie ist dank ihrer
Vitalität und Auffälligkeit im Erscheinungsbild sehr bekannt. Die Birke
ist im Volksleben vieler Völker tief verwurzelt, so daß wir schon von
Kindheit an die Birke als einen der ersten Bäume kennenlernen. Gerade
auch in der Niederlausitz deuten viele Ortsnamen auf die Existenz der
Birken hin; "brjaz", so auch Bräsinchen, Beresinchen, Brieschko,
Birkwalde, Birkholz usw. |
|
Erscheinungsbild, Blätter, Blüten
Die Birke ist je nach Standortbedingungen ein zierlicher
bis schlanker Baum zwischen 10 und etwa 25 m, seltener 30 m. Die Zweige
der Hänge-Birke (Name) hängen über. Auffallendstes Merkmal des Baumes
ist die mit dem Alter zunehmende Weißfärbung der Rinde, unterbrochen an
der Stammbasis von schwarzer tief sowie netzartig längsrissiger Borke
und Korkwarzenbändern.
Die jungen Zweige sind biegsam, zierlich mit zahlreichen Harzdrüsen besetzt
(Unterscheidungsmerkmal zur Moorbirke), zunächst von bräunlich matt glänzender
Farbe. Die Winterknospen sind zugespitzt, und glänzen stark.
Die Laubblätter sind wechselständig, gestielt, sind von
Rautenform und besitzen eine ausgezogene Spitze. Der Blattgrund variiert
bei den einzelnen Birkenarten und ist daher auch ein Bestimmungsmerkmal.
Bei der Hänge-Birke ist dieser bei jungen Blättern etwas schräggestellt,
entwickelt sich aber mit zunehmenden Alter des Blattes zu einer Geraden,
so daß sich eine fast waagerechte Linie ergibt.

Uns ist die Birke als Frühblüher bekannt. Schon im zeitigen
Frühjahr vor dem Blattaustrieb beginnen sich die männlichen Blütenstände,
die Kätzchen (Windbestäubung), hängend zu entwickeln. Von Interesse dürfte
sein, daß sie bereits im Sommer des Vorjahres gebildet werden, aber erst
im Folgejahr beginnt ihre "hohe Zeit".
Die sehr kleinen Blüten kann man nur unter starken Vergrößerungsgläsern
betrachten: 4-teilige Hülle und zwei Staubblätter.
Die weiblichen Blüten bilden sich ebenfalls unscheinbar an den Enden der
beblätterten Kurztriebe und sind von brauner Farbe. Im Gegensatz zu den
männlichen Blüten überwintern sie geschützt in einer Knospe. Sie blühen
aufrecht stehend. Die Blüten befinden sich zu dritt in der Achsel eines
Schuppenblattes.
Die Früchte werden als Nüßchen bezeichnet, sind sehr dünnhäutig und mit
durchsichtigen Flügeln ausgestattet, so daß der Wind sie weit tragen kann.

Verbreitung der Gattung Betula
Verbreitung
Die Hänge-Birke ist von Europa bis Westsibirien verbreitet.
Standortansprüche
Die Hänge-Birke ist ein Baum, der sehr viele Standorte
besiedeln kann. Obwohl sie fast überall vorkommt, fehlt sie in Standortlagen
mit schweren Tonböden (Decken) oder auf Kalken. Sie bevorzugt Böden verschiedener
Konsistenz und mit sehr unterschiedlichem Feuchtegehalt. Auf längere Trockenperioden,
in denen sich der "angestammte Bodenwasserhaushalt" sehr stark
verändern kann, reagiert sie empfindlich.
In der Niederlausitz ist uns die Hänge-Birke ein vertrauter Baum. Die
mäßig nährstoffreichen Böden, sauer reagierenden altglazialen Sanddecken
und die leichte kontinentale Beeinflussung der Witterungsverläufe kommen
ihrer Existenzmöglichkeit durchaus entgegen.
Die Hänge-Birke kann als Flachwurzler sowohl Kahlschläge, auch in Gebirgen,
steinig-grusige gestörte Böden (etwa Kippenbereiche), sonstige Brachflächen
oder Trümmergelände besiedeln. Bekannt ist aber auch die Fähigkeit, sich
an feuchteren Standorten zu behaupten, nur wird die Art in den Mooren,
durch die verwandte Moor-Birke ersetzt.
Die Hänge-Birke ist als Pioniergehölz sehr lichtbedürftig. Ihre Häufung
auf sogenannten Anflugsflächen (Besiedlung ungestörter nutzungsaufgelassener
Offenbereiche), ist nur ein zeitlich begrenzter Aspekt. Je nach Standort
folgen der Hänge-Birke, die Eiche und die Kiefer. Die Hänge-Birke, konnte
im Gegensatz zu einigen verwandten Birkenarten nicht zu einer eigenen
Pflanzengesellschaft (z.B. Wald) kommen. Immer ist sie Bestandteil von
Waldgesellschaften.
In der Niederlausitz ist Birken-Eichenwald mit der Kiefer als etabliertes
Florenelement eine natürliche Waldgesellschaft. Sie tritt oft am Rande
von Forstgesellschaften auf.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die Eigenschaft der Birken, im Frühjahr Saft zu tragen,
der z.B. in der ehem. Sowjetunion gezielt angezapft und zu einem erfrischenden
Getränk verarbeitet wurde, hat man sich in der waldbrandgefährdeten Niederlausitz
anders zu Nutze gemacht:
Die Hänge-Birke wurde in breiten Streifen riegelartig angepflanzt. Diese
boten besonders im Frühjahr, zu einer Zeit, da bei ausbleibenden Niederschlägen
die Brandgefahr recht hoch ist, einen Widerstand gegenüber dem Feuer.
Doch infolge der Vergrasung, die auch die Birkenbestände erfaßte, kam
man davon wieder ab.
Aus dem Saft der Birke läßt sich ein hervorragendes Konservierungsmittel
für Leder herstellen (Birkenteer). Durch Destillation läßt sich das sogenannte
Juchtenöl gewinnen, das man zum Einfetten des besonders feinen und weichen
Juchtenleders benutzt.
Ein weiterer bedeutender Verwendungszweck ist die Anwendung von Birkensaftpräparaten
zu medizinisch-kosmetischen Zwecken.
Früher nutzte man die Rinde zum Färben von Wolle. Der Sud führte zu einer
Braunfärbung. Ein aus Blättern bereitetes Bad färbte Wolle gelb.
Viele dieser alten Zubereitungen wurden in unserem Jahrhundert durch chemische
Präparate ersetzt, die sich wesentlich billiger herstellen ließen und
den natürlichen Rohstoff Birke schonten.
Bedeutung der Birke in der Natur
Die Hänge-Birke ist als Lebensraum für Tiere und niedere
Pflanzen von Bedeutung. Insbesondere für die Insekten ist die Birke eine
sehr wichtige Pflanze. In England wurden 1979 Untersuchungen durchgeführt,
die belegten, daß im Hinblick auf baumbesuchende Insektenarten wie Wanzen,
Käfer, Groß- und Kleinschmetterlinge usw., die Birke immerhin schon der
dominierenden Eiche und verschiedenen Weidenarten folgt, sich also auf
Platz drei befindet. Auch wenn diese Ergebnisse nicht ohne weiteres auf
das Zentrum von Mitteleuropa übertragbar sind, so wird eines deutlich,
daß die Birke für Insekten eine unverzichtbare Nahrungsquelle darstellt.
Und von Kleinst- und Kleininsekten sind wiederum andere Arten abhängig,
die ihrerseits von Vögeln vertilgt werden.
Bei den an Körpergröße bedeutsamen Tierarten mit Bindung an die Birke
wäre vor allem das Birkhuhn (Lyrurus tetrix) zu nennen. Das Birkhuhn
war in den weiten ungestörten Waldbereichen des heutigen Nordsachsens
mit seinen Mooren verbreitet. Das Birkhuhn ist eine Art, die von den offenen
bis halboffenen Landschaften mit kraut- und beerenreichen Unterwuchs abhängig
ist. Die jungen Birkentriebe und Knospen sind für die weiblichen Tiere
ernährungsphysiologisch von besonderer Bedeutung. Durch Raumnutzungen
wie Aufforstungen oder Abbau der Braunkohle in Tagebauen ist der Lebensraum
stark eingeschränkt worden. Die Nutzung weiter Teile des ehemaligen Kreises
Weißwasser, heute NOL, als Truppenübungsplatz hat dagegen keine nachteiligen
Wirkungen auf den Artenbestand gehabt. Das Birkhuhn ist im europäischen
Maßstab eine gefährdete Art. Derzeit laufen Programme, das Birkhuhn innerhalb
großer Schutzgebiete in der Niederlausitz wieder dauerhaft anzusiedeln.
Aber auch Pflanzen sind an das Vorkommen der Birke gebunden; es gibt Flechten
und Pilze, die nur an Birkenstämmen existieren können.
Andere Birkenarten
Ihre Vitalität führte dazu, daß sich über 60 Arten ausbilden
konnten. Nach der Birke ist eine ganze Pflanzenfamilie (Betulaceae)
benannt.
Von botanischer Bedeutung ist vor allem die Moor-Birke
(Betula pubescens L.). Sie hat eine eigene Pflanzengesellschaft
ausgebildet, einen Moor-Birken-Wald. Bei uns ist er flächenmäßig an die
Verbreitung der Moore gebunden.
In Brandenburg, der BRD und im europäischen Maßstab sind Moor-Birken-Wälder
geschützt.
Die Moor-Birke unterscheidet sich von der Hänge-Birke im Habitus und in
der Form der Blätter. Als Bestimmungsmerkmale ließen sich das überwiegend
aufstrebende Geäst, das Fehlen von Drüsen an den Zweigen und die schräg
oder überwiegend spitz zulaufende Blattbasis sowie ein eindeutiger Moorstandort
nennen.
Ebenfalls bedeutsam ist die Strauch-Birke (Betula
nana L.). Wie die Moor-Birke ist sie eine Art der feuchten torfig-moorigen
Standorte. Man trifft sie in den Gebirgen an (auch im Harz). Die nur 20
bis 70 cm hohe strauchartige Pflanze ist geschützt und gefährdet. Sie
gilt als Glazialrelikt und ist in der nördlichen Hemisphäre verbreitet,
auf Grönland und Spitzbergen eines der wenigen Holzgewächse.
Blick in die Paläobotanik
Abb. Betula prisca aus Wischgrund
Fossil ist die Birke seit dem Tertiär bekannt. In der
Niederlausitz wurden in den ca. 10 Millionen Jahre alten mittelmiozänen
Kostebrauer Blättertonen (zu denen auch der Blätterton von Wischgrund
gehört) sowohl Fruchtschuppen und geflügelte Nüsschen der Art Betula
longisquamosa und Blätter der Art Betula prisca gefunden.
Beide zeigen Ähnlichkeit zur rezenten Himalaja-Birke (Betula
utilis). Deshalb ist auch die Himalaja-Birke im Niederlausitzer Tertiärwald,
der Nachgestaltung von Pflanzenwelt und Landschaft des Flußsystems der
Ur-Elbe, im Spreeauenpark Cottbus anzutreffen.
Auch im Quartär spielt sie eine wichtige Rolle. Vor allem
Pollen geben Auskunft über das Auftreten der Birke. In der Sammlung des
Museums der Natur und
Umwelt Cottbus befinden sich aber auch Birkenblätter
aus der Eem-Warmzeit von Klinge und Schönfeld
( Eem-Grabung Klinge des Museums der Natur und
Umwelt Cottbus). In den Warmzeiten und nach
Beendigung der Eiszeit (Mittel-Europa ist seit 12.500 Jahren eisfrei)
gehörte die Birke neben der Kiefer zu den ersten waldbildenden Gehölzen.
Diese Pionierbesiedlungen wurden in den Folgezeiten ersetzt durch Eichen-
und Hainbuchen-, bzw. in der Nacheiszeit auch durch Buchenwälder.
Quellen
NVN-Faltblatt zum
"Baum des Jahres": Brigitte Schneider & Ursula Striegler
Literatur/ Bildnachweis:
[1] KRÜSSMANN, G. (1976): Handbuch der Laubgehölze
[2] LAUBNER, K / G. WAGNER (1998): Flora Helvetica, Bern.
[3] HECKER, U. (1995): Bäume und Sträucher, München.
[4] MAI, D. H. (1989): Natur und Landschaft im Bezirk Cottbus 11
[5] RÖSER, B. (1988): Saum- und Kleinbiotope, Landsberg.
[6] ROTHMALER, W. (1987): Exkursionsflora von Deutschland Bd.3
[7] HUMPHRIES, PRESS & SUTTON (1990): Der Kosmos-Baumführer
[8] FITSCHEN, J. (1994): Gehölzflora
Zur Übersicht
mit den Bäumen, Blumen, .. der vergangenen Jahre bis heute
|
Museale Anlage im Spreeauenpark
auf dem BUGA-Gelände in Cottbus: Mit Tertiärwald,
Mammutbaum-Stubben, Kohlemoor und Findlingsallee. weiter..
Der Tertiärwald ist eine Außenanlage der Geologischen
Abteilung des
Museums der Natur und
Umwelt Cottbus
und des Naturwissenschaftlichen Vereins der Niederlausitz e.V..
In einer seit 1995 öffentlich zugänglich gemachten Nachgestaltung wird eine Landschaft gezeigt, wie sie zur Bildung der Braunkohle in der Niederlausitz bestand. Alle verwendeten Pflanzen sind, wenn nicht in der Art, dann mindestens in der Gattung wissenschaftlich belegt.
|
|