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Der Wolf - Tier des Jahres 2003

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Der Wolf (Canis lupus) - Tier des Jahres 2003

Übersicht

Der böse Wolf?
Der Wolf: Systematische Einordnung, Verbreitung und Lebensraum, Kennzeichen, Nahrung, Leichte Beute, Lebensweise und Fortpflanzung
Gefährdung, Gefährdung für den Menschen
Wölfin Bärbel - Auf der Flucht
Kost und Logis für Isegrim
Die aktuelle Situation der Wölfe in Deutschland
Geben wir Isegrim eine Chance?

Der böse Wolf?

"Wer aber hereinkam, war der Wolf! Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie und verschluckte eines nach dem andern. Nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht."

So wie in Grimms Märchen "Der Wolf und die sieben Geißlein" haben wir alle schon im Kindesalter diese Spezies kennen und fürchten gelernt. Selbst in unserer modernen - vermeintlich aufgeklärten - Zeit leben das Vorurteil vom "bösen Wolf" und eine latente unterschwellige Angst in vielen Mitmenschen weiter. Der Wolf frisst kleine rotbemützte Mädchen, deren Großmütter und - die Haustiere der Menschen. Hier kommt man wohl eher dem wahren Grund für die Ausrottung des Wolfes in weiten Teilen Europas auf die Spur. Der Wolf wurde und wird vom Menschen in erster Linie nicht wegen seiner vermeintlichen Gefährlichkeit für den Menschen selbst, sondern wegen seiner Gefährlichkeit für seine Haustiere und als Beutekonkurrent gehasst und verfolgt. Wölfe sind gute Jäger und deswegen immer Rivalen des Menschen gewesen. Für eine Bauernfamilie, welche sich nur sehr wenige Weidetiere leisten konnte, stellte ein vom Wolf gerissenes Tier selbstverständlich einen hohen Verlust dar. Für die damalige Landbevölkerung war der Wolf ein erbitterter Feind, welcher manche Existenzgrundlage zerstört hat. Folgerichtig endet das Märchen der Gebrüder Grimm dann auch:

"Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: "Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!" Und sie fassten einander an den Händen und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum."

Im Märchen siegt das Gute, der "böse" Wolf musste sterben, die Ausrottung des Wolfes war ein Grund zur Freude. Zum Glück für den grauen Räuber haben sich gewisse Wertewandel vollzogen. Heute genießen die Wölfe Artenschutz und in der Lausitz ist wieder ein Wolfsrudel heimisch.

Wolf (canis lupus)
Wölfe im Wildpark Groß-Schönebeck

Der Wolf (Canis lupus)

Systematische Einordnung

  • Klasse Säugetiere (Mammalia)
  • Ordnung Raubtiere (Carnivora)
  • Familie Hundeartige (Canidae)
  • Art Canis lupus, Europäische Unterart Canis lupus lupus

Isegrim ist der Stammvater unserer zahlreichen Haushunderassen (Canis lupus familiaris). Die Domestikation der Haushunde begann vermutlich vor 10.000 bis 15.000 Jahren mit der Sesshaftwerdung des Menschen.

Verbreitung und Lebensraum

Ursprünglich waren Wölfe in der gesamten nördlichen Hemisphäre verbreitet. In Europa haben nur einige Restpopulationen die jahrhundertlange beispiellose intensive Verfolgung durch den Menschen überlebt, in den meisten Ländern ist er praktisch ausgerottet. Größere Populationen konnten nur in den unzugänglichen Gebirgsregionen in Süd- und Osteuropa überleben, so auf dem Balkan, der Apenninenhalbinsel und der iberischen Halbinsel. In Europa leben heute etwa 15.000 bis 20.000 Wölfe. Die größte Population außerhalb Russlands, wo er flächenhafter auftritt, lebt mit 2.500 bis 3.000 Tieren in Rumänien.

In Deutschland galt der Wolf seit dem Ende des 19. Jahrhunderts als ausgerottet. Trotzdem gab es immer wieder sporadische Zuwanderungen von Einzeltieren aus Polen oder Tschechien. Früher oder später wurden die Beutekonkurrenten von Jägern abgeschossen, zur Bildung von Rudeln kam es nicht.

Die grauen Wanderer bevorzugen normalerweise offene Landschaften wie Tundren oder Halbwüsten und lichte Wälder. Der typische Kulturflüchter wird in Europa aber in dünnbesiedelte Gebiete oder in schwer zugängliche Gebirgsregionen abgedrängt.

Die Literatur nennt für Wolfs Revier, in Abhängigkeit von der Dichte der Beutetiere, typische Größen von wenigen hundert bis zu 1000 Quadratkilometern. Die mit Duftmarken gekennzeichneten Reviere werden gegenüber anderen Rudeln verteidigt. Durch das charakteristische Wolfsgeheul wird die Anwesenheit eines Rudels bekannt gegeben. Einem womöglich blutig endendem Zusammentreffen mit einem umherziehenden Nachbarrudel wird so vorgebeugt.

Kennzeichen

Unsere europäischen Wölfe erreichen eine Körperlänge von 100 bis 160 cm (andere Unterarten evtl. unterschiedlich). Die Länge des Schwanzes beträgt etwa 30 bis 50 cm, die Schulterhöhe bis zu einem Meter. Sie tragen ein raues dunkles Fell und werden 30 bis 50 Kilogramm schwer. In Freiheit werden sie bis zu 10 Jahre alt.

Nahrung

Auf der Speisekarte des Wolfs stehen Huftiere, aber auch Kleinsäuger. Die bevorzugte Beute stellen Elche, Rentiere, Rothirsche, Rehe, Wildschweine und Wildschafe dar. Auch Hasen, Kaninchen, Füchse, selbst Mäuse gehören zur Beute. Abgerundet wird der Speiseplan mit Aas und Früchten.

Die gemeinsame Hetzjagd im Rudel ermöglicht es ihm, auch Beutetiere zu erlegen, welche seine Körpergröße weit übertreffen.

Isegrim hat einen Nahrungsbedarf von 2 bis 4 Kilogramm Fleisch pro Tag. Ist reichlich Beute erlegt worden, verputzt er auch mal 10 kg. Ist die Nahrung knapp, kann er auch tagelang hungern.

Leichte Beute

Wo Schafe und Ziegen ungeschützt weiden, bleibt der Wolf natürlich nicht lange aus. Während die Wölfe leicht auf einen Weideplatz gelangen können, haben ihre, womöglich angepflockten, Opfer in ihrem Gatter (Präsentier-Teller) keine Chance zur Flucht. Die wenig wehrhaften Nutztiere haben keinerlei Möglichkeit zur Verteidigung. In solchen unnatürlichen Situationen passiert es, daß Wölfe wesentlich mehr Tiere töten als sie fressen können (s.u. "Die aktuelle Situation der Wölfe in Deutschland", Tötung von 27 Schafen in einer Nacht). Vermutlich wird man keine Berichte recherchieren können, in denen ein Wolfsrudel zwanzig Hirsche oder Rehe sinnlos getötet hat. Denn wenn die grauen Jäger ihr erstes Opfer erlegt hätten, wären die anderen potentiellen Opfer schon längst über alle Berge. Die Hetzjagd eines Rudels ist nach wenigen hundert Metern beendet, entweder mit Jagderfolg oder -pech.

Durch den Schutz von Weidetieren mit Hunden oder die nächtliche Unterbringung in Ställen kann der entstehende Schaden jedoch gering gehalten werden. In Polen haben sich zum Schutz von Weidetieren simple, an Leinen aufgehangene, Lappen bewährt. In Rumänien gibt es positive Versuche mit Elektrozäunen und eine lange Tradition mit Herdenschutzhunden, welche in den restlichen europäischen Ländern fast ausgestorben ist. In den Karpaten sind die Verluste an Weidetieren vergleichsweise sehr gering.

Lebensweise und Fortpflanzung

Wölfe sind gesellige Tiere. Sie leben in hochorganisierten Rudeln mit einer festen Rangordnung. Die Rudelstärke schwankt in Abhängigkeit vom Nahrungsangebot zwischen 2 bis 20 Tieren (meist 5 bis 8).

Zur Verständigung dient eine ausgefeilte Körpersprache. Die Stellung eines Tieres im Rudel kann man u.a. an der Haltung des Schwanzes und der Ohren erkennen. Eine typisch unterwürfige Geste rangniederer Tiere ist das Einklemmen des Schwanzes zwischen den Hinterläufen und das Anlegen der Ohren. Lautäußerungen wie Knurren, Bellen und Winseln gehören ebenfalls zu den Verständigungsmöglichkeiten.

Wolf (canis lupus)
Hier gab es einen wohl einen Rüffel vom Leitwolf: Also Ohren angelegt
und Schwanz eingeklemmt.

Um die Positionen innerhalb des Rudels wird hauptsächlich zum Winteranfang mit Beginn der Paarungszeit gekämpft. Die Rüden und Fähen kämpfen untereinander um den Platz als Leitwolf oder Leitwölfin (auch Alphatiere). Während der Kämpfe ist man zwar nicht zimperlich, aber ernsthafte Verletzungen sind selten. Im Sommer bleibt die Hierarchie meist unverändert. Die Wölfe mit dem untersten Rang verlassen manchmal deswegen die Gruppe, um ein neues Rudel zu bilden.

Es paaren sich nur die zwei ranghöchsten Wölfe. Nach einer Tragzeit von etwa 9 Wochen werden 4 bis 7 anfangs blinde Jungen geboren. Die Kinderstube befindet sich in Höhlen oder selbstgegrabenen Erdbauen. An der Aufzucht der Kleinen beteiligt sich das ganze Rudel. Die Welpen sind nach einem halben Jahr selbständig und nach zwei Jahren geschlechtsreif.

Gefährdung

Wölfe haben keine natürlichen Feinde. Ihre Gefährdung besteht in der Zerstörung ihres Lebensraumes, der Zersiedlung der Landschaft und in der fehlenden Toleranz der Menschen. Wölfe stehen nach EU-Recht unter dem höchsten Schutzstatus und dürfen nicht gejagt werden! Die Zeiten von Kopfgeldzahlungen sind also vorbei, was allerdings nicht das illegale Töten und Wilderei verhindert.



"Eine Untersuchung ergab, daß 1991 hochgerechnet 100000 deutsche Füchse in Fallen gefangen wurden, 80000 davon darin starben, und daß gut 20000 (!) Tiere mit schweren Laufverletzungen entkamen. Aus naturschützerischer Sicht läßt sich ein weiterer Kritikpunkt anbringen: Totschlagfallen fangen nicht "selektiv", d.h. es werden sehr oft auch Individuen geschützter Tierarten darin gefangen und getötet oder verstümmelt. Die Naturschutzverbände legten zu diesem Thema immer wieder eine Vielzahl erschreckender Beispiele vor; vom Storch über Seeadler bis hin zu Uhus fanden sich zahllose Fallenopfer unter geschützten Tieren."

© Dag Frommhold, Feindbild Fuchs, tierrecht.de



Der Jagdschutz umfasst in Deutschland auch den Schutz des Wildes vor wildernden Haustieren. Neben geschätzten 300.000 - 400.000 Katzen werden deswegen jährlich auch ca. 30.000 - 60.000 Hunde Opfer von Jagdgewehr und Totschlagsfallen. Seit 1991 wurden sechs nach Deutschland eingewanderte Tiere von Jägern illegal abgeschossen. Praktische Ausrede: Verwechslung mit einem Hund.

Im Revier des Lausitzer Wolfrudels ist deswegen der Abschuss wildernder Hunde untersagt worden. Eine versehentliche Tötung durch eine Verwechslung mit einem wildernden Schäferhund wird so ausgeschlossen. Tierschützern ist der Paragraph des Jagdgesetzes, welcher das problemlose Töten von Haustieren erlaubt, schon lange ein Dorn im Auge. Für weitere Informationen siehe Initiative Jagdgefährdete Haustiere.

Initiative Jagdgefährdete Haustiere

Eine weitere Gefahr für sich im dichtbesiedelten Mitteleuropa wieder ansiedelnde Wölfe wäre die allgegenwärtige Blechlawine auf unseren Straßen.

Wildunfälle fordern jedes Jahr Menschenleben und Verletzte. In Brandenburg ereigneten sich 1999 15.800 Wildunfälle. In einigen waldreichen Landkreisen ist jeder 5. Unfall ein Wildunfall! Die Verluste unter den Tieren gehen bundesweit in die Hunderttausende, im Jagdjahr 1998/99 starben 200.000 Schalenwildtiere auf deutschen Straßen! Die Qualen der Tiere sind immens und stellen ein ernsthaftes Naturschutzproblem dar. Ohnehin kaum noch überlebensfähige "Inselpopulationen" können durch Wildunfälle den Todesstoß versetzt bekommen (z.B. Fischotter).

Gefährdung für den Menschen

Wenn Nahrung und Lebensraum ausreichend vorhanden sind, meiden die menschenscheuen Tiere den Menschen.

Ausnahmen bestätigen aber die Regel: In Brasov (Rumänien) sind nächtliche Besuche von Wölfen im Stadtgebiet nichts außergewöhnliches. Die Tiere haben gelernt, dass man sich an menschlichen Abfallkübeln bequem beköstigen kann. Im Morgengrauen kehren die Wölfe in die umliegenden Wälder zurück.

Ist der Wolf nun ein für Menschen harmloser Räuber oder eine Gefahr für jeden im Wald Erholung Suchenden? Laut einer Studie des Norsk institutt for naturforskning gab es zwischen 1950 und 2000 in Europa 9 tödliche Angriffe von Wölfen auf Menschen. Fünf davon gingen auf das Konto von tollwütigen Tieren. Die Krankheit steht in Europa durch die erfolgreiche Immunisierung von Füchsen heute vor der Ausrottung. Auffällig ist, dass oft Kleinst- und Kleinkinder Opfer der Angriffe sind, aber fast nie Erwachsene.

Zum Vergleich: Im kleineren Zeitraum von 1968 bis 2000 gab es allein in Deutschland knapp über 50 tödliche Beißvorfälle mit Hunden [Quelle: www.maulkorbzwang.de]. Auch wenn die reelle Gefahr durch einen Hund schwer verletzt oder getötet zu werden, ebenfalls sehr gering ist: Womöglich ist die Gefahr für Waldbesucher höher, wenn einige Herrchen - unter Missachtung des Leinenzwangs - ihren Hund frei im Wald laufen lassen.

Allein das Sturmtief "Jeanett" kostete im Herbst 2002 in Europa mindestens 22 Menschen das Leben. Ca. 100 Menschen sterben jedes Jahr in Europa durch Blitzschlag. Selbst wenn irgendwann einige Wolfsrudel in Deutschland heimisch sein sollten, umstürzende Bäume, herabstürzende Dachziegel oder Insektenstiche werden immer ein vielfach höheres Todesrisiko darstellen. Abschließendes Fazit: Wölfe sollten eher mehr Angst vor den Menschen haben, als umgekehrt.

In Gegenden, in denen der graue Räuber wieder heimisch wird, sollte die Bevölkerung mit sachlicher Information und Aufklärung auf den neuen wilden Nachbarn vorbereitet werden. Schutzmaßnahmen für Weidetiere müssen entwickelt und umgesetzt werden.

Auf der Flucht

Am 12. Juli 2002 begann die abenteuerliche Flucht der Wölfin Bärbel aus ihrem Gehege im Klingenthaler Tierpark (Vogtland), nur wenige Stunden, nachdem sie aus einem bayrischen Wolfsgehege umgesiedelt worden war. Sie durchbiss ein Stahlseil und konnte so aus dem vermeintlich ausbruchsicheren Freigehege entfliehen. Alle Versuche den Flüchtling zu fangen scheiterten, trotz Einsatz von Narkosegewehren, Fangnetzen, Käfigfallen und leckeren Fleischködern.

Das Tier schien mit der neugewonnenen Freiheit gut zurechtzukommen und lernte schnell, wie man außerhalb eines Wolfsgeheges Nahrung findet. Allerdings, Ende August riss die Wölfin erstmals fünf Schafe. Kurzzeitig verschärfte sich der Ton der Verantwortlichen, da "durch das Tier die öffentliche Sicherheit bedroht ist". Da waren sie wieder, die alten Feindbilder. Selbst die Erbeutung eines Huhnes fand nun ihren Weg in die Zeitung. Gegenüber Menschen zeigte sich das scheue Tier niemals aggressiv.

Bärbels Dilemma: Sie war in einem Gehege geboren worden und deswegen per Gesetz kein echtes Wildtier. Richtet sie Schaden an, kann sie getötet werden. Diese Option kam stärker ins Gespräch, doch vorerst bekam die Wölfin eine letzte Gnadenfrist gesetzt. Als Wildtier stünde sie unter dem vollen Schutz des Naturschutzgesetzes, inklusive Artenschutzmaßnahmen. Der BUND erklärte sich solidarisch mit dem grauen Flüchtling: "Im 21. Jahrhundert sollten wir endlich das Rotkäppchen-Syndrom überwinden". Ein Gnadengesuch wurde vom sächsischen Staat abgelehnt.

Nach vorübergehenden Sichtungen in Tschechien, später Oberfranken und Thüringen verschwand das clevere Tier, welches mittlerweile viele Sympathien errungen hatte, von der Bildfläche. Am 19. Januar 2003 endete ihre Flucht in Niedersachsen.

Ein Weidmann hatte einen Rehkadaver, Bärbels letzte Beute, untersucht. Das Tier näherte sich daraufhin aus dem Wald, um die Reste der Mahlzeit zu verteidigen. Dem Jäger war es am hellerlichten Tag auf kurze Entfernung nicht möglich, die Wölfin von einem Hund zu unterscheiden und erschoss das Tier, obwohl bekannt war, dass sich im angrenzenden Wald ein Wolf aufhält. Die Wirkung eines Warnschusses prüfte er nicht. Die dortigen Behörden haben ein Strafverfahren wegen der Tötung eines unter Artenschutz stehenden Tieres eingeleitet. Konnte der ausgebildete Jäger die Arten nicht unterscheiden oder ist die Ähnlichkeit mit Haushunden eine willkommene Ausrede? Niemals hatte Bärbel - die Medien hätten mit Sicherheit darüber berichtet - Erholungssuchende oder Waldarbeiter belästigt. Erst den Weidmann, welcher sich trotz Kenntnis des Wolfvorkommens, dem Riss offensichtlich inkorrekt genähert hatte, knurrte das Tier an.

Im Gegensatz zu Sachsen hatte man in Niedersachsen den erstmals im November bei Göttingen gesichteten unbekannten Wolf als Wildtier anerkannt. Im Zweifel für den Angeklagten: Da man es nicht besser wusste, galt die Vermutung einem Wildtier. Es wurde entschieden Jagd und Forstbetrieb im hiesigen Bramwald einzuschränken. Anhand eines eingepflanzten Chips konnte das tote Tier jetzt aber zweifelsfrei identifiziert werden. Die Chemnitzer "Freie Presse" stellte deprimiert fest: "Das Jahr, das .. zum Jahr des Wolfes erklärt wurde, ist gerade 19 Tage alt gewesen."

Kost und Logis für Isegrim

In unserem Wahn nach Mobilität zerschneiden wir unsere Landschaft durch den Bau von Strassen und Bahntrassen in bisher ungekanntem Maße. Jeden Tag wird hierzulande eine Fläche von 130 Hektar in Verkehrs-, Wohn- oder Gewerbefläche umgewandelt. Der Lebensraum für wildlebende Tiere und Pflanzen, ohnehin nur noch eine knappe Ressource, wird kleiner und kleiner. Die Zahl der großräumig unzerschnittenen Räume mit einer Mindestgröße von 100 km2 ist in Deutschland im Zeitraum von 1977 bis 1999 von 349 auf 225 zurückgegangen [Bundesamt für Naturschutz 1999]. Die verbliebene Restnatur unseres Landes bietet daher nur noch wenige Flecken, in denen ernsthaft an eine Wiederansiedlung des grauen Räubers gedacht werden kann.

Doch vielleicht macht man hier die Rechnung ohne den Wirt, bzw. den Gast. Zeigt doch das Beispiel Brasov, dass der Wolf ein sehr anpassungsfähiges Tier ist. Womöglich siedelt er sich sogar in zersiedelten Gegenden an - wenn man ihn nur lässt.

Nachdem fehlende Raubtiere als Begründung für die Durchführung der Jagd vorgehalten werden, könnten sich mancherorts in Zukunft Wölfe auf natürliche Weise um die - durch verfehlte jägerische Hegemaßnahmen - überhöhten Schalenwildpopulationen kümmern. Im Gegensatz zu zweibeinigen Jägern geht es dem Wolf nicht um Trophäen. Da ihm bei seinen Hetzjagden neben unerfahrenen Jungtieren vorrangig auch alte und kranke Tiere zum Opfer fallen, würde er durch diese natürliche Auslese zur Gesunderhaltung der Populationen seiner Beutetiere beitragen. Im Jagdjahr 2000 wurden laut Deutschem Jagdschutz-Verband beispielsweise 1.071.236 Rehe, 53.241 Rothirsche, 45.609 Damhirsche und 350.975 Wildschweine getötet. Nahrung gibt es also genug.

Doch Beispiele von Wiedereinbürgerungsmaßnahmen des Luchses in der Schweiz zeigen, dass die Akzeptanz für größere Raubtiere dann schnell schwindet. Seitdem eine wachsende Luchspopulation einen immer größeren Anteil des "Rehüberschusses" reißt, welchen die Jagdverbände für sich beanspruchen, häufen sich dort illegale Abschüsse der Raubkatzen. Die luchsbedingten Verluste an Nutztieren sind nach Untersuchungen mit 0,4% deutlich geringer als die "normale" Sterberate von 1 bis 5% während des Sommers. Trotz Entschädigungszahlungen hat der Luchs bei Weidetierhaltern einen schlechten Ruf [Quelle: KORA "Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung der Raubtiere in der Schweiz"].

Die aktuelle Situation der Wölfe in Deutschland

Vor einigen Jahren siedelten sich auf einem Truppenübungsplatz in der Oberlausitz zwei Leitwölfe an, welche vermutlich aus Polen zugewandert waren. Dort gibt es schon länger eine gesunde Wolfspopulation. In der Muskauer Heide haben die Neuankömmlinge über zehntausend Hektar wildreiches Gebiet und ihre Ruhe. Meistens jedenfalls, der Gefechtslärm bei Übungen scheint die grauen Räuber nicht zu stören.

Mittlerweile gab es zweimal Nachwuchs, vermutlich leben jetzt sechs bis acht Wölfe in der Gegend. Werden Weidetiere von den Graupelzen getötet, erhalten die geschädigten Viehzüchter Ausgleichszahlungen für gerissene Tiere. Dieser Fall ist auch schon vorgekommen: Im Mai 2002 rissen die Wölfe in einer blutigen Nacht 27 Schafe, in einem anderen Fall mit vier Opfern wurden kurze Zeit später entlaufende Hunde als Täter überführt.

Es bleibt abzuwarten, ob und in welche Richtung sich die ersten Jungtiere aufmachen werden, um ein eigenes Rudel zu gründen. Mit einem sogenannten Managementplan hat sich das Land Brandenburg, welches über ausgedehnte wildreiche Wälder verfügt, schon länger auf die mögliche Ansiedlung von Wölfen vorbereitet.

Mehr Informationen über das Lausitzer Wolfsrudel gibt es im Internet.

Wildnis wagen
Freundeskreis Wölfe in der Lausitz

Geben wir Isegrim eine Chance?

Zur Zeit genießt das Lausitzer Wolfsrudel große Sympathien in weiten Teilen der Bevölkerung. Sicherlich auch, weil der sächsische Staat gerissene Weidetiere großzügig entschädigt. Bleibt zu hoffen, dass das momentane Wohlwollen für das Lausitzer Rudel oder weitere Neubürger nicht umschlägt. Denn wenn diese Tiere allzu oft ungeschützte Weidetiere oder gar mal eine Hauskatze oder einen Hund erbeuten, werden die einschlägig bekannten Medien dieses Thema sicherlich gern auf die bewährte aufbauschende Art aufgreifen. Von Weidetierhaltern und Jagdlobby würden diese Geschichten gewiss gern kolportiert werden, alte - fast schon vergessene - Urängste würden wieder wachgerüttelt. Die alte Mär vom Wolf als gefährliche Bestie würde schnell reüssieren.

Selbst abseits der Regenbogenpresse liest man in diesem Zusammenhang von "vor Angst zitternden Rehen". Hierbei wird ignoriert, dass das der Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden zu den normalsten Dingen in der Natur gehört. Würden wir uns doch nur solche Sorgen um die Tiere machen, welche unter teilweise entsetzlichen Zuständen in unserer industriellen Massentierhaltung leiden oder auf Tiertransporten sterben. Hier könnten wir etwas zum Besseren verändern! Das jährliche Töten von einer Million Rehen durch zweibeinige Jäger als Jagdsport, zur Trophäengewinnung oder zum Wildbreterwerb erregt doch keinen Aufschrei in der Presse.

Tierschutzbund
Initiative zur Abschaffung der Jagd

Die Folge einer entstehenden Anti-Wolf-Hysterie wäre wohl, dass sich die Bevölkerung - schon wieder - über eine Ausrottung dieses Tieres freuen würde. Sicher ist es für den Besitzer tragisch, wenn Wölfe Weidetiere reißen. Aber - wie empört würden wir Mitteleuropäer reagieren, wenn in afrikanischen Ländern mit identischen Argumenten, nämlich dem Hinweis auf Verluste an Weidetieren (und sogar Angriffen auf Menschen) die Ausrottung von großen Wildtieren gerechtfertigt würde?

Noch bevor der Wolf in Deutschland wieder großflächiger Fuß fassen sollte, können wir bis dahin unseren Umgang mit den schon jetzt bei uns beheimateten Wildtieren, speziell den Raubtieren überdenken.

So werden jährlich ca. 600.000 Füchse sinnlos getötet, weil immer noch ignoriert wird, dass diese revierbildenden Tiere ihren Bestand selbst regulieren können. Zeigte doch erst jüngst das Aussetzen der Hetzjagden auf Füchse in England während der Maul- und Klauenseuche im Jahr 2001, dass die Fuchspopulation nicht "explodierte", sondern um 4,7 Prozent zurückging ["Wirkungslose Hatz" SPIEGEL 39/2002]. Krampfhaft werden Argumente wie Tollwut und Fuchsbandwurm vorgeschoben, um den Beutekonkurrenten weiterhin verfolgen zu können.

Wildtiere werden immer schnell zu Sündenböcken erklärt, um von menschlichen Fehlern abzulenken: Der Schweinepest-Virus entsteht dann nicht mehr in der industriellen Schweinemast, sondern bei den Wildschweinrudeln im Wald. Nicht etwa Agrarchemikalien und die Aufgeräumtheit der Landschaft, sondern Meister Reinecke ist plötzlich Schuld am Niedergang der Feldhasenbestände. Schalenwild wird zum Forstschädling erklärt, obwohl der Mensch als wichtigster Waldschädling die Landschaft zersiedelt, Straßen in das letzte Stück Restnatur baut oder Stickstoffeinträge aus Verkehr, Industrie und industrieller Landwirtschaft die Gesundheit unserer Wälder beeinträchtigen.

Der Wolf bekommt in Deutschland nur eine Chance, wenn er von uns akzeptiert wird. Werden wir Menschen den Verlust von Nutzvieh oder Haustieren hinnehmen? Sind wir damit einverstanden, dass wir Wildbret mit einem Jäger teilen, der schon lange vor uns in unseren Breiten jagte? Lassen wir noch soviel Natur übrig, dass genügend Lebensraum für die Wiederankömmlinge vorhanden sein wird?

Isegrims Schicksal liegt in unserer Hand.

Text/ Fotos: D. Nette

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Verweis


Ludwig Leichhardt - "Humboldt Australiens"


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